Kreationsphase (P3) in der Mediation
Dr. Swetoslaw Beltschew

1. Worum geht es in P3?
Nachdem in der Klärungsphase (P2) die inneren Landkarten der Beteiligten sichtbar wurden, beginnt in der Kreationsphase der Mediation ein ganz anderer Modus: Aus dem „Warum?" wird ein „Was wäre möglich?". Systemisch gesprochen beginnt die Arbeit an alternativen Beobachtungs- und Deutungsangeboten, nicht nur auf der Ebene der Lösung, sondern auch hinsichtlich des Verständnisses für sich selbst, die anderen und den Kontext des Konflikts.
Dieser Beitrag gehört zur kleinen Reihe über die vier Phasen der Mediation aus systemischer Perspektive. Er richtet sich an Kolleg:innen mit systemischem Hintergrund, die ihre Praxis in der Lösungsentwicklung methodisch schärfen möchten.
In klassischen Mediationsmodellen steht hier oft die Suche nach gemeinsamen Interessen im Zentrum. Das Harvard-Konzept spricht vom Prinzip „Lösungsoptionen zum beiderseitigen Vorteil entwickeln" und liefert dafür methodische Struktur: Kreativtechniken, Brainstormings, Bewertungskriterien. Auch in der systemischen Praxis sind diese Werkzeuge nützlich, doch der Fokus verschiebt sich: Nicht die optimale Lösung steht im Vordergrund, sondern die Erweiterung der Anschlussfähigkeit.
Mehr zur Harvard-Technik im ergänzenden Beitrag Harvard-Konzept systemisch betrachtet, Lösungsoptionen entwickeln.
2. Vom Entweder-oder zum Sowohl-als-auch
Systemisch betrachtet ist jede Entscheidung ein Selektionsakt, also eine Einschränkung der Möglichkeitsräume. Doch gerade im Konflikt fühlen sich diese Räume oft wie Sackgassen an. Die Kreationsphase will sie wieder öffnen. Der zentrale Leitsatz lautet:
„Lösungen entstehen nicht durch Konsens, sondern durch Anschlussfähigkeit innerhalb unterschiedlicher Beobachtungslogiken.“
Das bedeutet: Nicht die eine „beste“ Lösung soll gefunden werden, sondern eine Lösung, die von allen Beteiligten aus ihrer jeweiligen Perspektive heraus als gangbar erlebt werden kann. Das verlangt eine hohe Differenzierung: Was braucht es, damit jemand Ja sagen kann, ohne sich zu verbiegen? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit unterschiedliche Wirklichkeiten in einer Vereinbarung koexistieren können?
Hier zeigt sich eine zentrale Abgrenzung zum klassischen Konsensverständnis: Konsens meint oft die kleinste gemeinsame Schnittmenge, systemisch suchen wir nach Lösungen, die mehrdeutig anschlussfähig sind. Das erfordert die Fähigkeit, sich in den Möglichkeitsraum der anderen hineinzuversetzen, nicht, um ihn zu übernehmen, sondern um die eigenen Optionen daran zu spiegeln.
3. Entscheidungsprozesse als Resonanzphänomene
In der systemischen Praxis verstehen wir Entscheidung nicht als rein rationalen Prozess, sondern als dynamisches Resonanzgeschehen. Eine Option wird dann relevant, wenn sie emotional und funktional resonant ist, also sowohl innerlich stimmig als auch im Kontext tragfähig.
Hier beginnt die Arbeit mit Ambiguität: Es kann mehrere richtige Wege geben, aber nicht jeder ist für jede:n gangbar. Anstatt nach der objektiv besten Lösung zu suchen, erkundet die Mediationsgruppe: Was funktioniert für uns, unter unseren Bedingungen, mit unserer Geschichte und unseren Zielen?
Diese Haltung erlaubt es, auch Unsicherheit zu integrieren: Eine gute Lösung muss nicht „perfekt“ sein, sie muss ausreichend tragfähig sein, um weiterzugehen. Systemische Mediator:innen fragen daher nicht: „Ist das die richtige Entscheidung?“, sondern: „Was macht es möglich, dass ihr diesen Schritt gemeinsam gehen könnt?“
4. Dynamiken und typische Stolpersteine in der Kreationsphase
Die Lösungsphase ist selten konfliktfrei. Häufige Dynamiken sind:
- Rückfall in P2: Alte Positionen werden neu verpackt, statt neue Optionen zu entwickeln.
- Entscheidungslähmung: Zu viele Optionen, zu wenig Differenzierung, unklarer Möglichkeitsraum.
- Pragmatische Übersprungshandlung: Eine schnelle Lösung wird gefunden, um die Spannung zu beenden, nicht, weil sie tragfähig ist.
Systemische Interventionen setzen hier an:
- Hypothesenarbeit zur Funktion von Lösungswünschen: „Wofür wäre diese Lösung ein guter Kompromiss, und was würde sie überdecken?“
- Temporäre Rollenverschiebung: „Was würde Ihre Kollegin zu dieser Lösung sagen, und was Sie daran irritieren?“
- Zukunftsprojektionen: „Stellen Sie sich vor, es ist in sechs Monaten gelöst, was genau ist dann anders?“
- Ambiguitätsfreundliche Formulierungen: „Die Beteiligten streben eine Klärung an, deren Umsetzung schrittweise angepasst werden kann.“

Veränderung beginnt mit Klarheit.
Als systemischer Berater, Coach und Mediator unterstütze ich Sie dabei, Konflikte zu klären, Rollen zu klären und Prozesse tragfähig zu gestalten – bevor Chancen verloren gehen.
Mediator Sweti
Struktur. Klarheit. Verbindung.
Kontakt:
mediator@sweti.de
Jetzt kostenloses Erstgespräch buchen
Zur Webseite
5. Fazit: Verständigung ist mehr als Einigung
Die Kreationsphase ist mehr als ein pragmatischer Schritt zur Einigung. Sie ist die systemische Probe darauf, ob Verständigung nicht nur in Worten möglich ist, sondern auch in Entscheidungen. Wer sie gut gestaltet, fördert nicht nur tragfähige Lösungen, sondern stärkt auch die kollektive Fähigkeit zur Kooperation im Ungewissen.
Im nächsten Schritt, der Umsetzungsphase (P4), geht es dann darum, aus der erarbeiteten Verständigung tragfähiges Handeln zu machen und Übergänge in den Alltag bewusst zu gestalten.
Zur Reihe „Phasen der Mediation"
Dieser Artikel gehört zu einer kleinen Reihe zu den vier Phasen der Mediation aus systemischer Perspektive:
- Auftragsklärung systemisch gestalten (P1): Wie das 4-Felder-Modell, das 9-Felder-Modell und der Dreiervertrag helfen, den Prozess von Anfang an tragfähig zu gestalten.
- Klärungsphase (P2), Konflikte verstehen statt lösen: Wie sich Konfliktdynamiken systemisch beleuchten und bearbeiten lassen, mit Methoden wie Eisberg, zirkulärem Fragen und Hypothesenbildung.
- Umsetzungsphase (P4), Konflikte umsetzen statt abhaken: Wie die Umsetzung als Resonanzraum gestaltet werden kann und typische Fallstricke systemisch bearbeitet werden.
Für den kollegialen Austausch
Wenn Sie in Ihrer eigenen Praxis mit der Kreationsphase arbeiten oder Erfahrungen zu Anschlussfähigkeit statt Konsens, Ambiguitätstoleranz und Resonanzphänomenen teilen möchten, freue ich mich über den Austausch. Anregungen, Kritik und Praxisreflexionen sind willkommen.
