Mediation als Prozess: Phasen, Grundgedanken, Verstehen und Verhandeln
Dr. Swetoslaw Beltschew

Mediation wird häufig als Abfolge von Phasen beschrieben. Das ist sinnvoll. Ein Konfliktgespräch braucht Struktur, und die Beteiligten müssen wissen, woran sie gerade arbeiten.
Gleichzeitig geschieht in einer Mediation mehr, als sich in einem Phasenmodell abbilden lässt.
Menschen erzählen, hören zu, widersprechen, verstehen etwas neu, verteidigen Interessen, erleben Anerkennung, entwickeln Ideen, verwerfen sie wieder und treffen Entscheidungen. Manchmal verändert sich dabei auch ihre Sicht auf den Konflikt und auf das, was künftig zwischen ihnen möglich ist.
Um diese unterschiedlichen Vorgänge einzuordnen, hilft eine einfache Unterscheidung:
Die Phasen strukturieren den Prozess. Die drei Grundgedanken Ausgleich, Vermittlung und Transformation beschreiben, was innerhalb dieses Prozesses mediativ wirksam werden kann. Verstehen ist ein Grundmerkmal der Mediation. Verhandeln ist eine Form der Abstimmung, die an vielen Stellen des Verfahrens stattfindet.
Diese Ebenen gehören zusammen. Sie sind aber nicht dasselbe.
Die vier Phasen geben dem Verfahren seine Struktur
In meiner Arbeit unterscheide ich vier Phasen der Mediation.
Die Kontraktphase dient der Auftragsklärung und dem Aufbau eines tragfähigen Arbeitsbündnisses zwischen Mediator und Beteiligten. Vertrauen muss entstehen können, Rahmenbedingungen werden geklärt und der Konfliktkontext wird umrissen.
In der Klärungsphase werden unterschiedliche Sichtweisen, Deutungen, Interessen und Bedürfnisse sichtbar. Dabei geht es nicht darum, Unterschiede möglichst schnell aufzulösen. Sie sollen zunächst verstehbar werden.
Die Kreationsphase öffnet den Raum für Ideen, Optionen und Vereinbarungen. Auf der zuvor entstandenen Verständigungsbasis können die Beteiligten überlegen, was sie konkret tun wollen und welche Lösungen für sie tragfähig sind.
Die Umsetzungsphase richtet den Blick darauf, was aus den Vereinbarungen in der Praxis wird. Risiken werden reflektiert, Vereinbarungen können konkretisiert oder angepasst werden und die Beteiligten prüfen, ob aus den vereinbarten Worten tatsächlich gemeinsame Schritte werden.
Diese vier Phasen beschreiben den Prozess.
Sie sagen aber noch nicht alles darüber aus, was innerhalb einer Phase geschieht.
Drei Grundgedanken, aber keine drei weiteren Phasen
Ausgleich, Vermittlung und Transformation lassen sich leicht als zeitliche Folge lesen.
Zuerst wird Vergangenes ausgeglichen, danach wird zwischen den Beteiligten vermittelt und schließlich richtet sich der Blick auf die Zukunft und mögliche Transformation.
So einfach funktioniert Mediation nicht.
Die drei Grundgedanken sind keine zusätzlichen Phasen und auch keine Arbeitsschritte, die nacheinander erledigt werden.
Der Ausgleichsgedanke fragt danach, wie eine durch den Konflikt entstandene Asymmetrie oder Instabilität so reguliert werden kann, dass Veränderung wieder möglich wird.
Der Vermittlungsgedanke richtet den Blick darauf, wie Kommunikation wieder anschlussfähig werden kann. Die Beteiligten müssen dafür keine gemeinsame Wahrheit entwickeln. Entscheidend ist, dass auf eine Äußerung nicht zwangsläufig immer wieder dieselbe Konfliktreaktion folgen muss.
Der Transformationsgedanke öffnet den Blick auf das, was künftig möglich sein könnte. Die Vergangenheit bleibt unverändert und die Zukunft steht noch nicht fest. Aber die Beteiligten können entdecken, dass die Zukunft nicht bloß die Wiederholung des bisherigen Konfliktmusters sein muss.
Alle drei Grundgedanken können in unterschiedlichen Formen in allen vier Phasen auftreten.
Ihre Bedeutung und ihr Gewicht verändern sich jedoch mit dem, woran die Beteiligten gerade arbeiten.
Ausgleich beginnt nicht erst in der Klärungsphase
Besonders deutlich wird der Ausgleich häufig in der Klärungsphase. Vergangene Erfahrungen, Verletzungen und als ungerecht empfundene Situationen kommen zur Sprache. Ihre Bedeutung für die heutige Kommunikation kann sichtbar werden.
Ausgleich kann aber viel früher notwendig sein.
Schon in der Kontraktphase können die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sein. Vielleicht hat eine Partei die Mediation initiiert und weiß bereits genau, was sie erreichen möchte, während die andere noch unsicher ist, warum sie überhaupt hier sitzt. Vielleicht spricht eine Seite sehr viel und die andere kaum.
Dann geht es zunächst darum, einen Rahmen herzustellen, in dem beide tatsächlich am Verfahren teilnehmen können.
Auch später kann der Ausgleichsgedanke wieder wichtig werden. In der Kreationsphase kann eine vorgeschlagene Lösung plötzlich eine alte Verletzung berühren. In der Umsetzungsphase kann eine Vereinbarung unerwartet ein neues Ungleichgewicht erzeugen.
Ausgleich ist deshalb nicht die Vergangenheitsphase der Mediation.
Er ist eine Grundidee, die immer dann Bedeutung gewinnt, wenn die Bedingungen für eine eigenverantwortliche Beteiligung und Veränderung wiederhergestellt werden müssen.
Vermittlung findet überall dort statt, wo Kommunikation schwierig wird
Ähnlich verhält es sich mit dem Vermittlungsgedanken.
Sein Schwerpunkt ist in der Klärungsphase besonders gut erkennbar. Unterschiedliche Beschreibungen desselben Konflikts treffen aufeinander. Was für die eine Seite selbstverständlich ist, kann für die andere völlig anders aussehen.
Der Mediator entscheidet nicht, welche Sicht die richtige ist. Er unterstützt die Beteiligten dabei, Unterschiede wahrzunehmen und so miteinander zu kommunizieren, dass die Äußerung des einen für den anderen wieder anschlussfähig werden kann.
Aber auch das beginnt nicht erst in der Klärungsphase.
Schon beim Kontrakt können sehr unterschiedliche Erwartungen an die Mediation aufeinandertreffen. In der Kreationsphase kann eine Idee von beiden Seiten völlig unterschiedlich verstanden werden. Und selbst bei der Umsetzung einer Vereinbarung kann ein Satz wie „Du hältst dich schon wieder nicht daran“ das alte Konfliktmuster innerhalb weniger Augenblicke zurückbringen.
Vermittlung bleibt deshalb während des gesamten Verfahrens verfügbar.
Sie soll Unterschiede nicht beseitigen. Sie hilft dabei, Kommunikation trotz dieser Unterschiede wieder möglich zu machen.
Transformation gehört nicht ans Ende
Beim Transformationsgedanken liegt ein Missverständnis besonders nahe.
Weil Transformation auf zukünftige Möglichkeiten verweist, könnte man sie als Ergebnis am Ende einer gelungenen Mediation verstehen.
Doch auch Transformation kann viel früher beginnen.
Eine Partei kann bereits in der Kontraktphase erleben, dass sie ihre eigenen Bedingungen formulieren und Nein sagen darf. In der Klärungsphase kann jemand erstmals erkennen, wie die eigene Reaktion zur Reaktion des anderen beiträgt. Eine bisher feststehende Erklärung des Konflikts kann unsicher werden.
In der Kreationsphase wird Transformation oft besonders sichtbar. Plötzlich wird eine Möglichkeit denkbar, die vorher keine der Parteien gesehen hat.
Und in der Umsetzungsphase kann sich zeigen, ob die Veränderung über die konkrete Vereinbarung hinausreicht. Vielleicht entsteht erneut ein Problem, aber die Beteiligten gehen diesmal anders damit um.
Transformation bedeutet deshalb nicht, dass die Beteiligten am Ende der Mediation zu anderen Menschen geworden sind.
Sie bezeichnet die Möglichkeit, dass sich ihr Handlungsraum, ihre Wahrnehmung des anderen und schließlich auch das verändert, was zwischen ihnen künftig möglich ist.
Verstehen ist keine eigene Phase
Bei Ausgleich, Vermittlung und Transformation begegnet uns immer wieder dasselbe Wort: Verstehen.
Das ist kein Zufall.
Verstehen lässt sich kaum einer bestimmten Phase zuordnen. Es gehört zum gesamten Mediationsprozess.
In der Kontraktphase müssen Auftrag, Erwartungen und Konfliktkontext verstanden werden. In der Klärungsphase geht es besonders intensiv darum, die unterschiedlichen Sichtweisen, Bedeutungen, Interessen und Bedürfnisse nachvollziehbar zu machen.
Dabei umfasst Verstehen mehr als das Verstehen des anderen.
Eine Partei kann beginnen, sich selbst besser zu verstehen: Warum reagiere ich an dieser Stelle so heftig? Was ist mir tatsächlich wichtig?
Sie kann den anderen besser verstehen: Was bedeutet diese Situation aus seiner Sicht?
Und sie kann den Konflikt selbst anders verstehen: Was geschieht eigentlich zwischen uns? Welche Reaktion löst welche nächste Reaktion aus?
Gerade dieser letzte Schritt ist systemisch interessant.
Aus „Du ziehst dich immer zurück“ kann die Beobachtung werden: „Wenn du dich zurückziehst, dränge ich stärker. Dann ziehst du dich noch weiter zurück.“
Der Konflikt wird damit nicht nur erlebt. Er wird zunehmend beobachtbar.
Verstehen bedeutet auch hier nicht Zustimmung. Ich kann nachvollziehen, warum jemand gehandelt hat, und sein Handeln weiterhin für falsch halten.
Vielleicht lässt sich die Rolle des Verstehens deshalb am einfachsten so beschreiben:
Verstehen beseitigt Unterschiede nicht. Es macht sie bearbeitbar.
Auch Verhandeln findet nicht nur am Ende statt
Mit Verhandeln verbinden wir häufig die Kreationsphase. Dort ist es besonders sichtbar.
Die Beteiligten entwickeln Optionen, wägen Möglichkeiten ab, vertreten ihre Interessen und versuchen, eine Vereinbarung zu finden. Verhandlungsansätze wie das Harvard-Konzept können dabei wichtige Orientierung geben.
Doch verhandelt wird bereits viel früher.
Schon in der Kontraktphase stimmen die Beteiligten ab, worüber sie sprechen wollen, wer beteiligt sein soll, welche Regeln gelten und unter welchen Bedingungen sie bereit sind, miteinander zu arbeiten.
Auch in der Klärungsphase gibt es Abstimmungen. Welche Themen benötigen Raum? Was muss berücksichtigt werden? Wo liegen Prioritäten? Nicht jedes Gespräch darüber ist bereits eine Verhandlung, aber Verhandlung kann auch hier stattfinden.
In der Kreationsphase wird sie schließlich besonders deutlich. Jetzt geht es um konkrete Möglichkeiten, Interessen, Kriterien und Entscheidungen.
Und auch die Umsetzungsphase kann neue Verhandlungen notwendig machen. Vielleicht funktioniert eine Vereinbarung anders als erwartet. Rahmenbedingungen haben sich verändert oder eine Regelung muss angepasst werden.
Verhandeln ist damit nicht einfach die letzte Aufgabe vor der Vereinbarung.
Verhandeln ist die Abstimmung unterschiedlicher Interessen, Vorstellungen und Entscheidungen. Der Gegenstand dieser Abstimmung verändert sich im Verlauf der Mediation.
Kooperativ und kompetitiv sind keine Gegensätze zur Mediation
Auch die Art, wie verhandelt wird, lässt sich nicht einer bestimmten Phase zuordnen.
Parteien können kooperativ nach einer Lösung suchen und gleichzeitig ihre eigenen Interessen sehr entschieden vertreten. Sie können an einer Stelle Informationen offen teilen und an einer anderen eine klare Grenze setzen.
Kompetitives Verhalten ist deshalb nicht automatisch unvereinbar mit Mediation.
Eine Partei darf sagen: „Dazu bin ich nicht bereit.“ Sie darf auf einer für sie wichtigen Forderung bestehen, Alternativen prüfen oder ein Angebot ablehnen.
Mediation verlangt nicht, dass eigene Interessen zugunsten von Harmonie aufgegeben werden.
Kooperative Verhandlung eröffnet dagegen besonders dort Möglichkeiten, wo die Beteiligten erkennen, dass ihre Interessen nicht vollständig gegensätzlich sein müssen. Sie können nach Lösungen suchen, die mehrere Anliegen gleichzeitig berücksichtigen.
Beide Verhandlungsweisen können im Verfahren auftreten. Entscheidend ist, dass die Grundbedingungen der Mediation erhalten bleiben und die Beteiligten eigenverantwortlich entscheiden können.
Der Mediator verhandelt dabei nicht an ihrer Stelle. Er gestaltet einen Rahmen, in dem auch unterschiedliche und gegensätzliche Interessen verhandelbar bleiben.
Die Ebenen greifen ineinander
In einer wirklichen Mediation lassen sich diese Ebenen selten sauber voneinander trennen.
Eine Partei erzählt von einer vergangenen Erfahrung. Sie erlebt, dass ihre Sicht gehört wird. Darin kann Ausgleich liegen.
Die andere Seite versteht vielleicht erstmals, welche Bedeutung das Geschehen für sie hatte. Darin liegt Verstehen.
Sie reagiert nicht mit der gewohnten Rechtfertigung, sondern mit einer Frage. Kommunikation wird anders anschlussfähig. Darin zeigt sich Vermittlung.
Plötzlich erscheint eine bisher ausgeschlossene Möglichkeit denkbar. Darin kann Transformation liegen.
Und irgendwann müssen die Beteiligten entscheiden, was sie daraus konkret machen wollen. Dann wird verhandelt.
All das kann innerhalb derselben Phase und manchmal sogar innerhalb weniger Minuten geschehen.
Gerade deshalb ist es wichtig, die verschiedenen Ebenen nicht mit dem Ablauf der Mediation zu verwechseln.
Fazit
Die Phasen geben einer Mediation Orientierung. Sie strukturieren, woran die Beteiligten im jeweiligen Abschnitt des Verfahrens arbeiten.
Die eigentliche Dynamik der Mediation lässt sich damit allein aber nicht erklären.
Ausgleich, Vermittlung und Transformation können während des gesamten Verfahrens wirksam werden. Verstehen begleitet den Prozess und macht Unterschiede, Bedeutungen und Konfliktmuster bearbeitbar. Verhandeln findet immer wieder dort statt, wo unterschiedliche Interessen, Vorstellungen und Entscheidungen miteinander abgestimmt werden müssen.
So betrachtet besteht Mediation nicht aus einer Kette von Methoden, die der Mediator nacheinander anwendet.
Sie ist ein strukturierter Prozess, in dem sehr unterschiedliche Bewegungen gleichzeitig möglich werden können.
Die Phasen geben den Rahmen. Was innerhalb dieses Rahmens geschieht, entsteht im Zusammenspiel von Ausgleich, Vermittlung, Transformation, Verstehen und Verhandeln.
Weiterführende Artikel dieser Reihe:
- Der Ausgleichsgedanke in der Mediation
- Der Vermittlungsgedanke in der Mediation
- Der Transformationsgedanke in der Mediation
- Der Verhandlungsgedanke in der Mediation
Die Pfasen der Mediation:
