Der Transformationsgedanke in der Mediation
Dr. Swetoslaw Beltschew

Mediation endet nicht mit der Vereinbarung.
Das klingt zunächst paradox. Eine Vereinbarung regelt den konkreten Konflikt. Sie legt fest, wer was tut, wer wofür Verantwortung übernimmt und wie die Beteiligten künftig mit einer bestimmten Situation umgehen wollen. Das ist wichtig.
Aber eine Mediation kann darüber hinaus etwas verändern.
Die Beteiligten können den Prozess nicht nur mit einer Lösung verlassen. Es kann sich auch verändert haben, wie sie sich selbst, den anderen und ihren Konflikt wahrnehmen. Vielleicht erleben sie sich wieder als handlungsfähig. Vielleicht können sie die Sicht des anderen wahrnehmen, ohne die eigene aufzugeben. Vielleicht erkennen sie ein Konfliktmuster, das ihnen vorher selbstverständlich und unausweichlich erschien.
Damit verändert sich noch etwas anderes: Was zwischen ihnen künftig möglich ist.
Das ist der Transformationsgedanke.
Was Transformation in der Mediation meint
Transformation bedeutet nicht, dass Menschen nach einer Mediation grundlegend andere sind. Sie bedeutet auch nicht, dass der Konflikt im Nachhinein etwas Gutes gewesen sein muss.
Transformation beschreibt eine mögliche Veränderung, die über die Regelung des konkreten Konflikts hinausgeht.
Ein festgefahrener Konflikt verengt nicht nur die Kommunikation in der Gegenwart. Er verengt auch den Blick auf die Zukunft.
„Mit ihm kann man nicht reden.“
„Sie wird sowieso wieder alles an sich reißen.“
„Beim nächsten Mal passiert genau dasselbe.“
Solche Sätze handeln scheinbar von der Zukunft. Tatsächlich werden sie in der Gegenwart ausgesprochen. Und sie wirken bereits jetzt. Wer überzeugt ist, dass der andere sich ohnehin wieder genauso verhalten wird, reagiert anders als jemand, der auch eine andere Entwicklung für möglich hält.
Die erwartete Zukunft beeinflusst damit das gegenwärtige Verhalten. Dieses Verhalten kann wiederum genau die Reaktion hervorrufen, die erwartet wurde.
So kann sich ein Konflikt immer wieder selbst bestätigen.
Transformation bedeutet nicht, solche Erwartungen einfach durch positive zu ersetzen. Es geht um etwas Bescheideneres und zugleich Grundlegenderes:
Es könnte wieder so kommen. Aber es könnte auch anders kommen.
Systemisch gesprochen wird Zukunft wieder kontingent. Was bisher unausweichlich erschien, wird zu einer von mehreren Möglichkeiten.
Zukunft entsteht in der Gegenwart
Wir sprechen beim Transformationsgedanken über Zukunft. Doch die Zukunft selbst ist in einer Mediation noch nicht da.
Was vorhanden ist, sind Vorstellungen, Befürchtungen und Erwartungen darüber, was geschehen könnte.
Deshalb kann Mediation die Zukunft nicht verändern. Sie kann aber dazu beitragen, dass sich in der Gegenwart verändert, welche Zukunft die Beteiligten für möglich halten.
Das lässt sich an einem einfachen Konfliktmuster zeigen:
„Ich werde laut, weil du dich zurückziehst.“
„Ich ziehe mich zurück, weil du laut wirst.“
Solange beide Seiten dieses Muster als zwangsläufig erleben, ist auch die Zukunft weitgehend vorgezeichnet. Beim nächsten Konflikt wird vermutlich wieder dasselbe geschehen.
Beim Vermittlungsgedanken haben wir gesehen, was passieren kann, wenn dieses Muster beobachtbar wird. Einer der Beteiligten kann vielleicht irgendwann sagen:
„Wir machen es gerade wieder.“
An der Vergangenheit hat sich dadurch nichts geändert. Auch das bekannte Muster ist nicht einfach verschwunden.
Aber etwas Neues ist hinzugekommen: Die Beteiligten können das Muster erkennen, während es geschieht.
Damit steht ihnen eine Möglichkeit zur Verfügung, die vorher vielleicht nicht vorhanden war. Sie können wieder genauso reagieren wie bisher. Sie können aber auch versuchen, anders zu antworten.
Eine andere Zukunft wird möglich.
Empowerment und Recognition
Eine wichtige Ausarbeitung des Transformationsgedankens findet sich in der Transformativen Mediation nach Robert A. Baruch Bush und Joseph P. Folger. Dort werden zwei Bewegungen besonders hervorgehoben: Empowerment und Recognition.
Empowerment bezeichnet die Stärkung der eigenen Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit.
Konflikte können das Gefühl erzeugen, nur noch reagieren zu können. Man fühlt sich abhängig vom Verhalten des anderen, verliert Klarheit darüber, was einem selbst wichtig ist, und sieht kaum noch eigene Handlungsmöglichkeiten.
Empowerment bedeutet nicht, dass der Mediator einer Partei Macht gibt oder ihr zeigt, was sie tun soll. Die Beteiligten gewinnen vielmehr wieder Klarheit darüber, was ihnen wichtig ist, welche Entscheidungen sie treffen können und wofür sie Verantwortung übernehmen wollen.
Das kann auch bedeuten, Grenzen zu setzen oder eine Beziehung nicht fortsetzen zu wollen. Transformation verlangt weder Versöhnung noch Harmonie.
Recognition richtet den Blick auf die andere Seite.
Im eskalierten Konflikt wird das Gegenüber leicht auf seine Rolle im Konflikt reduziert. Was der andere sagt oder tut, wird vor allem durch die bereits vorhandene Konfliktgeschichte interpretiert.
Recognition bedeutet, dass die Perspektive des anderen wieder wahrnehmbar werden kann.
Das heißt nicht, sie zu übernehmen. Eine Partei kann sagen:
„Ich verstehe jetzt besser, warum du so gehandelt hast. Ich halte es trotzdem für falsch.“
Die eigene Sicht bleibt bestehen. Aber die Sicht des anderen kann daneben stehen.
Hier berührt Recognition unmittelbar den Vermittlungsgedanken. Wenn die Kommunikation des anderen wieder anschlussfähig wird, muss sie nicht mehr zwangsläufig Abwehr, Rechtfertigung oder Gegenangriff auslösen.
Was sich zwischen den Beteiligten verändern kann
Empowerment und Recognition beschreiben wichtige Veränderungen. Systemisch betrachtet kommt noch eine weitere Ebene hinzu.
Empowerment fragt:
Was kann ich tun?
Recognition fragt:
Wie kann ich dir begegnen?
Der Transformationsgedanke führt darüber hinaus zu einer dritten Frage:
Was kann zwischen uns künftig geschehen?
Denn ein Konflikt besteht nicht nur aus zwei einzelnen Menschen und ihren Eigenschaften. Er entsteht und stabilisiert sich auch durch Reaktionen, Erwartungen und Bedeutungen, die sich zwischen ihnen entwickelt haben.
Kritik führt zum Rückzug. Rückzug führt zu stärkerer Kritik. Die stärkere Kritik bestätigt wiederum, dass Rückzug notwendig ist.
Wenn sich an einer Stelle dieses Kreislaufs eine andere Anschlussmöglichkeit eröffnet, kann sich auch verändern, was zwischen den Beteiligten künftig möglich ist.
Das bedeutet nicht, dass die alten Muster verschwinden. Sie können jederzeit wieder auftreten.
Aber sie sind nicht mehr die einzig denkbare Möglichkeit.
Genau darin liegt der systemische Kern der Transformation: Nicht nur einzelne Beteiligte können neue Handlungsmöglichkeiten gewinnen. Auch zwischen ihnen können neue Formen der Kommunikation und des Umgangs miteinander entstehen.
Transformation ist keine letzte Phase der Mediation
Es wäre verführerisch, Transformation als letzten Schritt eines Mediationsverfahrens zu verstehen: Erst wird ausgeglichen, dann vermittelt und verhandelt, und am Ende werden die Beteiligten transformiert.
So funktioniert es nicht.
Transformation lässt sich weder herstellen noch verordnen. Und sie beginnt nicht erst am Ende.
Schon im Ausgleich kann eine Partei erleben, dass sie wieder klarer sprechen und entscheiden kann. Im Verstehen kann sie das eigene Konfliktmuster erstmals wahrnehmen. In der Vermittlung kann die Sicht des anderen anschlussfähig werden. Beim Verhandeln können die Beteiligten erfahren, dass sie selbst Möglichkeiten entwickeln und Entscheidungen treffen können.
Transformation kann in all diesen Momenten entstehen.
Der Mediator produziert sie nicht. Er kann Bedingungen schaffen, unter denen solche Veränderungen möglich werden. Er kann Gespräche strukturieren, Fragen stellen, Unterschiede sichtbar machen und auf kleine Verschiebungen aufmerksam werden.
Was die Beteiligten daraus machen, bleibt ihre Entscheidung.
Transformation ist deshalb keine zusätzliche Phase nach der Lösung. Sie beschreibt eine mögliche Veränderung, die während des gesamten Mediationsprozesses entstehen und über ihn hinauswirken kann.
Vom Lösungsraum zum Möglichkeitsraum
Hier zeigt sich auch ein Unterschied zwischen Vermitteln, Verhandeln und Transformieren.
Beim Verhandeln geht es darum, Interessen sichtbar zu machen, Optionen zu entwickeln und eine tragfähige Vereinbarung zu finden. Das Harvard-Konzept spricht bildlich davon, den Kuchen größer zu machen: Statt nur zwischen zwei Positionen zu wählen, wird der Lösungsraum erweitert.
Der Transformationsgedanke reicht darüber hinaus.
Es geht nicht nur darum, mehr Lösungen für den aktuellen Konflikt zu finden. Es geht um die Möglichkeit, künftig anders mit Konflikten, mit dem anderen und mit den eigenen Reaktionen umzugehen.
Der größere Lösungsraum gehört zur Verhandlung.
Der größere Möglichkeitsraum reicht weiter.
Er umfasst auch Möglichkeiten, die während der Mediation noch gar nicht bekannt sein müssen. Die Beteiligten können später auf eine neue Situation treffen und anders reagieren, weil ihnen nicht mehr nur das alte Konfliktmuster zur Verfügung steht.
Transformation bedeutet deshalb nicht, eine bestimmte Zukunft zu erzeugen.
Sie bedeutet, Zukunft wieder zu öffnen.
Der Transformationsgedanke im Zusammenhang der drei Leitideen
Die drei Leitideen der Mediation lassen sich zunächst drei Zeitrichtungen zuordnen: Ausgleich der Vergangenheit, Vermittlung in der Gegenwart und Transformation mit Blick auf die Zukunft. Ganz so linear ist es allerdings nicht. Mediation findet immer in der Gegenwart statt.
Der Ausgleichsgedanke beschäftigt sich mit der Vergangenheit in der Gegenwart. Was ist geschehen und welche Bedeutung hat dieses Geschehen heute für die Beteiligten und ihre Kommunikation?
Der Vermittlungsgedanke richtet sich unmittelbar auf die gegenwärtige Interaktion. Wie beobachten die Beteiligten einander? Welche Reaktionen lösen sie wechselseitig aus? Und wie kann die Kommunikation der einen Seite für die andere wieder anschlussfähig werden?
Der Transformationsgedanke richtet den Blick auf die mögliche Zukunft in der Gegenwart. Welche Entwicklungen halten die Beteiligten inzwischen für denkbar? Welche neuen Formen des Umgangs miteinander werden möglich?
Damit schließt sich der Kreis der drei Leitideen.
Der Ausgleich verändert nicht die Vergangenheit. Er kann aber ihre gegenwärtige Bedeutung verändern und damit Veränderung wieder möglich machen.
Die Vermittlung beseitigt nicht die Unterschiede zwischen den Beteiligten. Sie kann aber Kommunikation wieder anschlussfähig machen, sodass auf eine Äußerung nicht immer dieselbe alte Reaktion folgen muss.
Transformation legt die Zukunft nicht fest. Sie kann aber den Raum dessen erweitern, was die Beteiligten künftig für möglich halten und miteinander hervorbringen können.

Veränderung beginnt mit Klarheit.
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Fazit
Transformation ist kein Versprechen, dass Menschen nach einer Mediation versöhnt, konfliktfrei oder grundlegend verändert sind.
Sie bezeichnet eine Möglichkeit.
Die Beteiligten können wieder klarer sehen, was sie selbst wollen und entscheiden können. Sie können die Perspektive des anderen wahrnehmen, ohne sie übernehmen zu müssen. Und sie können erkennen, dass ihre bisherigen Konfliktmuster nicht zwangsläufig bestimmen müssen, was beim nächsten Mal geschieht.
Darin liegt der Zukunftsbezug des Transformationsgedankens.
Die Vergangenheit bleibt, was sie war. Die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Aber in der Gegenwart kann sich verändern, welche Zukunft möglich erscheint.
Ausgleich macht Veränderung wieder möglich. Vermittlung macht eine andere Antwort möglich. Transformation macht eine andere Zukunft möglich.
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