Was Allparteilichkeit eigentlich kostet
Dr. Swetoslaw Beltschew

Allparteilichkeit klingt technisch neutral. Sie ist innerlich anstrengend.
Das ist kein Widerspruch. Es ist die eigentliche Beschreibung dessen, was dieses Prinzip in der Praxis bedeutet - und was es kostet.
Was Allparteilichkeit nicht ist
Allparteilichkeit wird häufig mit Neutralität gleichgesetzt. Das ist verständlich, aber ungenau.
Neutralität bedeutet: Ich habe keine Meinung. Ich stehe außerhalb. Ich bin unbeteiligt.
Allparteilichkeit bedeutet etwas anderes: Ich bin beiden Seiten gleichermaßen zugewandt. Ich bringe beiden dasselbe Maß an Aufmerksamkeit, Respekt und ernstem Zuhören entgegen - auch wenn ich innerlich längst eine Einschätzung habe. Auch wenn eine Seite verletzt, laut oder schwierig ist. Auch wenn eine Seite mehr Sympathie in mir auslöst als die andere.
Das ist keine Abwesenheit von Haltung. Es ist eine sehr bewusste, sehr aktive Haltung - die gehalten werden muss, Minute für Minute, über die gesamte Dauer einer Mediation.
§ 2 Abs. 3 MediationsG verankert dieses Prinzip rechtlich. Aber was es in der Praxis bedeutet, steht dort nicht.
→ Neutralität, Unabhängigkeit und Allparteilichkeit in der Mediation
Was sie wirklich bedeutet
Wenn zwei Menschen in einem Konflikt sitzen, die sich verletzt haben, passiert etwas Merkwürdiges mit dem Raum zwischen ihnen.
Jeder bringt seine Version der Wirklichkeit mit. Jeder hat gute Gründe für das, was er tut oder getan hat. Jeder hat das Gefühl, dass die andere Seite das Problem ist - oder zumindest einen wesentlichen Teil davon.
Als Mediator sitze ich in diesem Raum. Meine Aufgabe ist es, beiden gleichzeitig zugewandt zu sein. Nicht abwechselnd - gleichzeitig. Ich muss der einen Seite zuhören, ohne innerlich schon zur anderen zu wechseln. Ich muss die Verletzung der einen spüren, ohne die Perspektive der anderen zu verlieren.
Das ist keine intellektuelle Übung. Es ist körperliche und emotionale Arbeit.
Was dabei in mir passiert, ist nicht immer angenehm. Manchmal höre ich etwas, das mich innerlich aufbringt. Manchmal erkenne ich eine Dynamik, die ich aus eigener Erfahrung kenne - und die sofort meine Sympathie in eine Richtung zieht. Manchmal ist eine Seite so klar im Recht, dass die Allparteilichkeit sich anfühlt wie eine Zumutung.
Genau in diesen Momenten zeigt sich, ob Allparteilichkeit wirklich gelebt wird - oder nur behauptet.
Die Falle der Scheinneutralität
Es gibt eine subtile Form der Parteinahme, die nach außen wie Allparteilichkeit aussieht.
Ich nenne sie Scheinneutralität: Ich verhalte mich korrekt, stelle allen Beteiligten ähnliche Fragen, vermeide offensichtliche Bewertungen - und habe innerlich längst entschieden, wessen Perspektive die plausiblere ist.
Diese Scheinneutralität ist gefährlich, weil sie sich so anfühlt wie die echte Sache. Weil ich mich nicht dabei ertappe. Weil sie nach außen unsichtbar bleibt - bis sie sich in kleinen Dingen zeigt: in der Formulierung einer Frage, in der Länge einer Pause, in der Art, wie ich eine Aussage zusammenfasse.
Für mich persönlich hat diese Falle einen konkreten Namen: mein Alter und meine Biografie.
In der Elder-Mediation - Konflikte zwischen älteren Menschen und ihren Angehörigen, Fragen der Pflege, des Erbes, der Selbstbestimmung im Alter - neige ich dazu, älteren Menschen gegenüber besonders zugewandt zu sein. Nicht bewusst. Nicht als Entscheidung. Sondern weil ich selbst in einem Alter bin, in dem diese Fragen nicht mehr abstrakt sind. Weil ich die Verletzlichkeit, die mit dem Älterwerden einhergeht, von innen kenne.
Das ist menschlich. Es ist vielleicht sogar eine Ressource - wenn ich es erkenne.
Wenn ich es nicht erkenne, wird es zur Falle.
Stellen Sie sich eine Mediation vor zwischen einer älteren Frau und ihrer erwachsenen Tochter. Die Mutter fühlt sich übergangen bei Entscheidungen, die ihre Pflege betreffen. Die Tochter ist erschöpft, handelt aus echter Sorge, macht Fehler aus Überforderung. Objektiv betrachtet haben beide Seiten valide Perspektiven.
Aber innerlich - wenn ich ehrlich bin - ist meine erste Reaktion Sympathie für die Mutter. Ihre Verletzlichkeit spricht mich an. Ihre Würde, die sie zu verlieren droht, berührt mich.
Allparteilichkeit bedeutet in diesem Moment nicht, diese Reaktion zu unterdrücken. Sie bedeutet, sie zu bemerken - und sie nicht handlungsleitend werden zu lassen.
Wie ich mich darin halte
Es gibt keine Technik, die Allparteilichkeit automatisch sicherstellt. Es gibt nur Praktiken, die helfen, sie immer wieder herzustellen.
Selbstbeobachtung vor und in der Mediation. Bevor ich in eine Mediation gehe, frage ich mich: Was weiß ich über diese Situation, das mich bereits in eine Richtung zieht? Was in meiner eigenen Geschichte könnte hier aktiviert werden? Das ist keine Garantie - aber es schärft die Aufmerksamkeit.
Die eigene Reaktion als Information. Wenn ich merke, dass ich innerlich parteiisch werde, ist das kein Versagen. Es ist eine Information über mich und über das, was diese Situation in mir auslöst. Diese Information ist wertvoll - wenn ich sie nicht verdränge, sondern mit ihr arbeite.
Zirkuläres Fragen als Korrektiv. Wenn ich merke, dass ich einer Seite mehr Raum gebe als der anderen, ist die bewusste Einladung an die andere Seite ein methodisches Mittel, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Nicht als Technik - sondern als Haltungskorrektur.
Supervision. Was in mir nach einer Mediation zurückbleibt, gehört nicht allein verarbeitet. Supervision ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist das methodische Gegenstück zur Selbstbeobachtung - eine Außenperspektive auf das, was ich allein nicht sehen kann.
→ Menschen und Probleme trennen – systemische Kerntechnik in der Mediation
→ Wie gute Gespräche gelingen – die Grundlagen der Mediation
Was das für Klienten bedeutet
Wer eine Mediation in Anspruch nimmt, hat ein berechtigtes Interesse daran, dass der Mediator wirklich allparteilich ist - nicht nur dem Anschein nach.
Das bedeutet nicht, dass der Mediator keine Person ist. Es bedeutet, dass er eine Person ist, die ihre eigenen Reaktionen kennt und mit ihnen arbeitet - statt sie zu verstecken oder unkontrolliert wirken zu lassen.
Allparteilichkeit ist deshalb kein Merkmal eines Verfahrens. Sie ist ein Merkmal einer Haltung, die täglich neu erarbeitet wird.
Und sie kostet etwas. Das ist kein Mangel. Das ist der Preis dafür, dass sie echt ist.

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Fazit
Allparteilichkeit ist nicht Neutralität. Sie ist aktive Zugewandtheit zu beiden Seiten gleichzeitig - auch wenn das innerlich schwer zu halten ist.
Die eigentliche Gefahr ist nicht offene Parteinahme, sondern Scheinneutralität: die innere Bewertung, die nach außen unsichtbar bleibt, aber in kleinen Dingen sichtbar wird. Für mich persönlich hat diese Falle einen konkreten Auslöser - mein Alter und die Nähe zu den Themen der Elder-Mediation.
Was hilft, ist nicht eine Technik. Was hilft, ist Selbstbeobachtung, die Bereitschaft, die eigene Reaktion als Information zu lesen, und Supervision als methodisches Korrektiv.
Allparteilichkeit, die wirklich gelebt wird, kostet etwas. Aber nur was kostet, hat auch Gewicht.
